Serie "Das ist Berlin"
Der Wedding kommt, aber anders
Montag, 20. Oktober 2008 22:03
- Von Florentine Anders
Wedding und Gesundbrunnen sind als Brennpunktkieze verrufen. Doch gerade hier ist Aufbruchstimmung spürbar. Manche sagen, wie in Prenzlauer Berg Anfang der 90er-Jahre. Die geschlossenen Fabriken im einstigen Arbeiterviertel werden gerade zurückerobert – von Künstlern, Modedesignern und Studenten aus dem Kiez.
Ein dunkler Gang führt auf die andere Seite. Der Gleimtunnel quert den
ehemaligen Mauerstreifen. Sachlich betrachtet, verbindet er die Ortsteile
Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen – tatsächlich verbindet er zwei Welten.
Autos poltern über das Kopfsteinpflaster, Fußgänger sieht man kaum. Als ob
sich nur wenige aus dem Wohlstandsviertel Prenzlauer Berg in den Nachbarkiez
wagen, das unordentliche Hinterzimmer des Citybezirks Mitte.
„Nächste Ausfahrt Wedding“ heißt eine Initiative von Anwohnern der östlichen
Gleimstraße, die sich regelmäßig aufmachen, um die andere Seite zu
entdecken. „Wir waren einfach neugierig, was am anderen Ende des
Gleimtunnels ist“, sagt Initiatorin Tanja Kapp. Inzwischen treffen sich bis
zu 150 neugierige Leute zu den Aktionstagen am Gleimtunnel, um in „die Welt
dahinter“ einzutauchen. Quirlig sei es da, sagt Tanja Kapp,
experimentierfreudig und bunt. Es gebe eine Aufbruchstimmung wie vielleicht
in Prenzlauer Berg vor 15 Jahren.
„Hier ist Berlin noch authentisch“
Die Weddinger sind stolz darauf und witzeln mit Vorliebe über die Prenzlberger
Latte-Macchiato-Trinker. „Hier ist Berlin noch authentisch“, sagt Oliver
Tautorat, der mit seinem Prime Time Theater und der Kultserie „Gutes Wedding
Schlechtes Wedding“ die Kiezbewohner zu Helden macht und damit selbst zum
Star geworden ist. Auf dieser Seite des Gleimtunnels ist der Kaffee noch
schwarz, und die Brautkleider sind weiß. Der Döner kommt ohne Hackfleisch
aus, und das Bier wird selbst gebraut. Also von gestern? Unsinn. In dem
einst verrufenen Brennpunktkiez ist so gut wie alles in Bewegung.
Stadtteilmanagerin Jeanne Grabner könnte sich keinen schöneren Ort zum
Arbeiten und Wohnen vorstellen. „Ich liebe die Freiräume“, sagt sie. Und
auch die Menschen der verschiedenen Kulturen wissen sie zu nutzen. Mit 32
und knapp 36 Prozent haben die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen einen der
höchsten Anteile an Bewohnern nicht deutscher Herkunft in ganz Berlin, etwa
40 Prozent sind auf Sozialleistungen angewiesen. Jeanne Grabner ist
überzeugt, dass gerade in diesem Umstand ein großes Potenzial steckt: „Die
Menschen haben viel Zeit und wenig Geld, das macht kreativ und solidarisch.“
Veränderung nicht durch Zugezogene
Und es gibt diese leeren Gebäude – Fabriken in dem einstigen Arbeiterviertel,
die nach und nach geschlossen wurden. Doch jetzt erobern die Menschen ihre
Fabriken zurück. Künstler und Gewerbetreibende sind in die ehemalige
Rotaprint-Fabrik eingezogen, Studenten in die AEG-Fabrik (Ackerstraße),
Tänzer in die Uferhallen, wo bisher BVG-Busse gewartet wurden.
„Der Wedding kommt anders“, sagt Jeanne Grabner und meint damit sowohl das
Brunnenviertel als auch Wedding auf der anderen Seite der Panke. Der Slogan
bedeute, dass die Veränderung hier von innen kommt und nicht durch
zugezogene Neuberliner.
Zaghaft entdecken aber auch die Menschen aus den
schickeren Teilen des Bezirks Mitte den Kiez der unbegrenzten Möglichkeiten.
Während in Mitte Gewerberäume Mangelware oder für viele nicht bezahlbar
sind, gibt es hier noch Leerstand. Die berühmte Privatschule Phorms hat
Räume in der AEG-Fabrik bezogen. Auch Galerien und Designerläden stoßen
immer weiter vor in das nördliche Ende der Brunnenstraße.
Mit der Veranstaltung „Wedding Dress“ will die Wohnungsgesellschaft Degewo
ihre schwer zu vermietenden Läden in den Betonburgen attraktiv machen. Die
Gewinner des Wettbewerbs für junge Modedesigner erhalten hier Räume ein Jahr
mietfrei. Ein Atelier für Handy-Accessoires mit echten
Swarovski-Edelsteinen, eines mit bizarren Deko-Fliegenpilzen aus Stoff,
trashige Mode in Pink und sündhaft teure Abendkleider aus Spitze und Seide
sind hier nebeneinander zu finden. Die meisten verkaufen ihre Kreationen
allerdings in Friedrichshain, Prenzlauer Berg oder Mitte. Noch kommen die
Kunden selten in das Brunnenviertel.
Lebendiger wird es, je weiter man auf der Brunnenstraße in den Kiez vordringt.
Dort, wo sie zur Badstraße wird, brodelt das Leben auf der Straße wie auf
einem orientalischen Basar. Gemüsehändler bieten lautstark ihre Ware feil,
auf der Straße werden Teppiche ausgebreitet, in den Schaufenstern glitzern
orientalische Devotionalien gleich neben ausgefallenen afrikanischen
Kunsthaarteilen.
Geht man durch die Hofeinfahrt an der Badstraße39, findet man sich indes in
einer Gartenidyll wieder. Direkt am grünen Flusslauf der Panke. Hier steht
das ehemalige Luisenbad. 1995 wurde das denkmalgeschützte Gebäude saniert
und mit einem gläsernen Anbau versehen. Nun ist es eine Bibliothek.
„Das alte Flair kehrt zurück“
Hat man die Panke überquert, mischen sich auf der Schwedenstraße immer mehr
Galerien zwischen anatolische Sportvereine oder Geschäfte für Brautkleider.
Auch Martin Weiss, der weltberühmte Sinti-Jazz-Geiger, hat hier sein
Atelier, gemeinsam mit seiner Frau, der Akkordeonistin Carmen Hey. Weiss,
Nachfahre des legendären Sinti-Musikers Django Reinhardt, ist in Wedding
aufgewachsen, kennt diesen Kiez aus dem Effeff. „Früher nannten wir das hier
unser gemütliches Paris der kleinen Leute“, sagt er. Das Leben habe sich auf
der Straße abgespielt, jeder kannte jeden, ganz gleich aus welcher Kultur er
kam. In den 90er-Jahren sei das Viertel dann abgerutscht. Die
Kleinkriminellen hätten die Straßen beherrscht. Doch das sei jetzt vorbei.
„Das alte Flair kehrt zurück“, sagt er.
Er schätzt den Zusammenhalt unter den Menschen, die ihn
hier nicht als Stargeiger kennen, sondern als Nachbarn. Gern trinkt er ab
und zu einen Tee mit Roseline Russell, die gleich nebenan ihren Laden hat.
Die Französin wohnt seit 30 Jahren in Berlin, vor zwei Jahren wollte sie
zurück in ihre Heimat Montpellier. Doch die Sehnsucht nach Berlin war zu
groß. „Ich mache meinen Süden in Berlin“, hat sie sich gesagt, und wo würde
das besser gehen als in Wedding.
In ihrem Secondhandladen „Soleil du Sud“ verkauft sie Mode, Schuhe und Schmuck
aus Frankreich. Doch die Frauen kommen nicht nur deswegen. Sie lassen sich
in den kleinen Klubsesseln nieder, trinken Tee und erzählen sich die
Neuigkeiten aus dem Kiez. Neues passiert hier schließlich ständig. Früher,
erzählt Roseline Russell, habe sie mal in Steglitz gewohnt. Die anderen
Frauen winken lachend ab: „Viel zu ruhig.“

















